Das Datenklo:
Mancheiner wird sich bestimmt noch an die düsteren Bundespostzeiten erinnern. Die Bundespost - das große ungelenke gelbe Monster bestimmte damals mit eiserner Faust welche Endgeräte am Telefonnetz betrieben werden durften und welche nicht. Am Telefon herumbasteln war damals streng verboten. Genau in diese Zeit (1984) fällt das CCC-Modem, welches wegen der Verwendung von Spühlastenverbindern für den Arkustikkopplerteil den Spitznamen "Datenklo" erhielt. Da es sich um ein selbstgebautes Gerät ohne entsprechende Zulassung handelte war es damals streng verboten es auch nur in die Nähe eines Telefons zu bringen. Das Datenklo war zweifels ohne ein Zeichen des Protests und des Ungehorsams gegenüber der Bundespost - eine geniale Entwicklung die für viele Computerpioniere ein Stück Freiheit bedeutete.
Motivation:
Wie viele CCC-Modems jemals gebaut wurden ist völlig unklar. Realistisch düfte eine Stückzahl von 10-15 Stück sein. Ein Exemplar befindet sich im Heinz Nixdorf Museum in Paderborn. Die meisten Modems dürften mit samt den Computern mit denen sie benutzt worden sind im Elektronikschrott gelandet sein. Da ich mich gelegentlich mit Computergeschichte und der Vereinsgeschichte des CCC auseinandersetze stieß ich immer wieder auf dieses Gerät und als ich eines Tages von meiner Schwester eine Originalausgabe der Hackerbibel Teil 1, welche alle technischen Unterlagen zum Datenklo enthielt geschenkt bekam war es irgendwie klar das ich eins bauen musste. Leider stellte sich schnell heraus das der verwendete Modem-IC schon lange abgekündigt war. Allerdings fand sich bei einer auf seltene Bauteile spezialisierten Firma noch eine Hand voll Exemplare. Ich bekam 8 ICs für einen fairen Preis. Alle anderen Bauelemente waren Standartteile die sich ohne Probleme beschaffen ließen. Nach dem ich also den seltenen IC hatte habe ich das Layout abgescannt und
geätzt. Danach verlor ich erstmal die Lust und die Platinen lagen etwa ein Jahr im Schrank. Doch dann erfuhr ich das ein öffentlich rechtlicher Fernsehsender eine Doku über den CCC drehen wollte und auch gerne ein Datenklo zeigen wollte. Das war dann ein valider Grund das Datenklo fertig zu bauen.
Überblick:
Die technische Dokumentation des Datenklo ist bis heute in hervorragender Qualität in der Hackerbibel Teil 1 (Das Datenklo des CCC) überliefert. Es war kein Problem das Datenklo nachzubauen. Trotz allem sei hier noch einmal der technische Aufbau skizziert: Das Datenklo, offizielle Bezeichnung "CCC-Modem" ist ein einfaches FSK Modem welches vor allem dafür entworfen wurde als Arkustikkoppler betrieben zu werden. Die Maximalgeschwindigkeit beträgt etwa 1200 Baud. Es besteht aus dem Modemchip AM7911 welcher mit entsprechender Peripherie beschaltet ist. Diese Peripherie ist zum einen ein RS232 Levelshifter welcher die 5V-TTL Pegel des AM7911 auf RS232 pegel und umgekehrt konvertiert. Und zum anderen ein mit Operationsverstärkern aufgebauter Audioteil welcher aus einem Mikrofonverstärker für den Modem-Input und einem Audioverstärker für den Modem-Output besteht. Zusätzlich wurde als Alternative zum Arkustikkoppler noch ein normales Telefoninterface hinzugebaut welches aus einem Operationsverstärker und einem Telefonübertrager besteht. So kann das Datenklo auch als normales Modem direkt am Telefonnetz betrieben werden.
Der Nachbau:
Wie schon erwähnt sind beim Nachbau des Datenklos eher wenig Schwieriegkeiten zu erwarten. Die einzige Schwierigkeit die sich jetzt, 26 Jahre nach dem Erscheinen stellt ist der Modem-IC AM7911. Dieser IC ist schon lange eingestellt. Ich habe meinen AM7911 von Demotronic, einer auf das Recycling vor allem seltener elektronischer Bauelemente spezialisierte Firma, erworben. Mit etwas Glück findet man auch in alten Kommunikationsendgeräten noch AM7911. Zum Beispiel ist mir in einem Mulitkom-S1 BTX-Terminal mal einer begegnet - allerdings die PLCC-Version. Für den Arkustikkoppler verwendete ich wie vom CCC empfohlen
Spülkastenverbinder und kleine Laustsprecher. Getestet habe ich das Modem Schrittweise. Ich empfehle zu aller erst den Taktgenerator zu testen da dies am einfachsten ist. Dann kann man mit einem
Draht die RX/TX Pins an der Fassung vom AM7911 brücken und so den RS232 Levelshifter testen. Danach kann man den AM7911 in die Fassung setzen und mit einem Jumper Audio-Ausgang mit Audio-Eingang verbinden. Dann weiß man das der Chip funktioniert. Erst zum Schluss habe ich dann den Audioteil getestet. Leider benötigt das Datenklo 4 Spannungen, +5V, -5V, +12V, -12V. Allerdings laut Bauanleitung nicht allzu hohe Ströme. Es wäre durchaus denkbar sich diese Spannungen auch mit zwei DC/DC Wandlern zu erzeugen. Dann könnte man das Datenklo vielleicht sogar über USB mit Strom versorgen. Ich habe der Einfachheit ein altes Notebooknetzteil hergenommen welches alle Spannungen bis auf -5V von sich aus lieferte. Die -5V habe ich mir dann mittels Spannungsregler aus den -12V erzeugt.
Fazit:
Das Datenklo ist ein wirklich cooles Gerät. Vor allem die Nachbausicherheit zeugt von einem sehr sorgfältigem Vorgehen. Wer immer hinter der Entwicklung des CCC-Modems steckt, er hat wirklich gute Ingenieurarbeit geleistet! Aber wofür braucht man sowas heute eigentlich noch? Nun ja. Man könnte das Datenklo als Effektgerät verwenden. 1200 Baud Packetradio wäre auch ein denkbarer Anwendungsfall. Und nicht zuletzt könnte es auf Grund der Tatsache das der AM7011 auch V23 kann zum Reveresengineering von BTX-Terminals mit eingebautem Modem gute Dienste leisten. In jedem Fall stehen spannende Experimente an: Funktioniert eine Datenverbindung über GSM? Gibt es da Probleme mit dem Sprachcodec? Geht es auch über Voip usw... Für alle die sich jetzt auch ein Datenklo bauen wollen habe ich hier noch ein par Links und die technische Dokumentation zum Download:
Dokumentation zum Download:
Übrigens kann man mit dem Datenklo ganz toll Musik machen: Für interessierte habe ich mal eine kleine
Hörprobe bereitgestellt.
Wikipedia - Datenklo
Demotronic - Quelle für AM7911
Hackerbibel Teil 2 - Die Katze darf das